Montag, 18. Juni 2012

Auf den Spuren großer Designklassiker – Greta Grossmans Leuchten Grasshopper und Cobra

gubi grossman grasshopper stehleuchte ambiente
Foto: Eine Original Grasshopper Stehleuchte aus dem Jahr 1947 erzielt auf Auktionen fünfstellige Preise. Dank der Wiederauflage durch den dänischen Hersteller Gubi ist sie erneut in Produktion und glücklicherweise auch weitaus erschwinglicher zu haben.
Es sind Begriffe, wie "zeitloses Design", "Designklassiker", oder "Designikone", die uns aufhorchen lassen, einem Objekt das Prädikat aufsetzen, wertvoll und original zu sein. Es sind Formen, manchmal auch Farben, die vertraut erscheinen, ursprünglich und klar, die eine Sprache sprechen, die wir verstehen und gleichzeitig zum ästhetischen Empfinden der Gegenwart passen. Und es sind Materialien und eine Verarbeitung, die Qualität verheißen. Welches Design kann schon von sich behaupten, über Jahrzehnte hinweg zeitgemäß und populär zu sein? Zu diesem erlesenen Kreis gehören zwei Leuchten, die Greta Magnusson Grossman vor 65 Jahren entwarf: die Stehleuchte Grasshopper sowie die Steh- und Tischleuchten mit Namen Cobra. Es sind zwei Designikonen, die nun in Wiederauflage durch den dänischen Hersteller Gubi erneut ihren Platz in zeitgenössiche Einrichtungen finden.

Um solch einzigartigen Erfolg wirklich zu verstehen, muss man sich erst auf die Spurensuche begeben. Grasshopper und Cobra sind beste Beispiele für die Zeitlosigkeit der Moderne, anhand derer sich beschreiben lässt, was uns eigentlich an Designklassikern so fasziniert.
gubi grossman cobra tischleuchte schwarz
Foto: Ein Interieur wie aus alten Hollywood Filmen. Zu Greta Grossmans Kundenkreis gehörten Namen wie Greta Garbo, Frank Sinatra oder Joan Fontaine.
Anfang des 20. Jahrhunderts befindet sich die Design- und Kunstwelt in einem starken Umbruch. Industrialisierung und Massenproduktion, sowie der starke Wunsch, sich von schwerfälligen traditionellen Stilformen zu lösen, bedingen neue kreative Denkweisen, so auch im Produktdesign. Das Zeitalter der Moderne geht mit einer Reihe von Künstlern, Designern und Architekten einher, die nicht nur bis heute Stilbewusstsein maßgeblich geprägt haben, sondern auch Vorreiter innerhalb ihrer Zünfte waren. Eine mitunter schwere Aufgabe, denn Ablehnung und Skepsis kamen lange vor dem verdienten Erfolg. Es war eine umso größere Ausnahme damals als Frau, diese Vorreiterrolle zu übernehmen. Gelungen ist es Greta Magnusson Grossman, geboren 1906 in Stockholm. Sie war Stipediatin der berühmten Stockholm Kunsthochschule Konstfack und die erste Frau, die eine Auszeichnung für Möbeldesign von Seiten der Stockhom Craft Association im Jahr 1933 erhielt. 1940 emigrierte sie zusammen mit ihrem Mann nach Los Angeles, USA, wo sie sich fortan einen Namen als Designerin und Architektin machte. Dieser Erfolg war vor allem ihrer Passion für die Moderne geschuldet und ihrem Anspruch, Design nicht als Luxus sondern als an den Bedürfnissen angepassten Alltagsbegleiter zu verstehen.

gubi grossman grasshopper stehleuchte vintage rot
Foto: Die Farben der Grasshopper Leuchte spielen bei dem Design eine entscheidende Rolle: Anthrazitgrau, Warm Grau, Blaugrau, Jet Schwarz oder Vintage Rot, wie hier im Bild, stehen zur Auswahl.
Greta Grossmans Arbeit war stilprägend. An dem, was heute als die kalifornische Moderne der Mitte des 20. Jahrhunderts bekannt ist, trägt sie einen entscheidenden Anteil. Ihr Design ist klar, funktional, dennoch verspielt und immer mit einer Portion Asymmetrie versehen. Wie kein anderer ihrer Entwürfe verkörpert die Grasshopper Stehleuchte, oder Grässhoppa, wie sie anfangs genannt wurde, ihre typische Designsprache. Ein leicht nach hinten geneigtes Stahlrohr, das sich auf einem Dreifuß aufstützt, bildet die schlanke Struktur, während ein schmaler, rotierbarer Schirm gerichtetes Licht zur Verfügung stellt. Schirm und Struktur wirken aufgrund ihrer farblich einheitlichen Pulverbeschichtung wie aus einem Guss.

Die Grasshopper Leuchte hat eine schlanke Silhouette, ist gelungen proportioniert und effektvoll gekleidet. Der Gallerist Evan Snyderman, der eine große Retrospektive über Grossmans Werk im Stockholmer Architekturmuseum begleitet hat, beschreibt die Charakteristik einer Designikone folgendermaßen: "Eine Ikone entsteht dann, wenn die perfekte Balance zwischen Form und Funkion gegeben ist." Er sieht dabei einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dieser Definition und dem Design von Greta Grossman.

gubi grossman cobra tischleuchte anthrazitgrau
Foto: Bereits 1950 gewann die Cobra von Greta Grossman den Good Design Award. Eine Reihe namhafter Museen stellten die Leuchten fortan aus und machten diese Design- kurzerhand zu Kunstobjekten.
Ein nicht minder vertrautes Design begleitet die Tisch- und Stehleuchte Cobra, die Greta Grossman Ende der 1940er Jahre entwarf. Der Name nimmt Bezug auf den großen ovalen Diffusor, der an den Kopf einer Kobraschlange erinnert. Über einen flexiblen Schlaucharm lässt sich die Leuchte in jede beliebige Position drehen, der Kopf ist dabei um 360° rotierbar, was ihn zur perfekten Schreibtisch- bzw. Leseleuchte macht. Auch hier sind Fuß und Schirm, im Falle der Stehleuchte auch die vertikale Struktur, in der gleichen Farbe pulverbeschichtet. Wir erkennen heutzutage dieses Design unbewusst wieder, es erscheint ein Sinnbild moderner Schreibtischbeleuchtung zu sein. Dem dänischen Hersteller Gubi, der sich mit der Reedition einer Reihe moderner Stilikonen einen Namen macht, ist es zu verdanken, dass Grossmans Schaffenswerk nicht nur museal, sondern auch wieder käuflich zu erwerben ist. Massentauglich, den Alltag der Menschen begleitend, also voll und ganz in Greta Grossmans Sinne.

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Foto: Von der Natur inspiriert, modern interpretiert: Die Grasshopper und Cobra-Leuchten sind Vertreter organischen Designs der Moderne.

Was uns an Designklassikern so fasziniert, ist also die Tatsache, dass sie die ersten und die mutigsten Vertreter einer Stilepoche sind, gleichzeitig diejenigen, mit dem am längsten währenden Zuspruch. Greta Grossman erklärt ihren Stil selbst, als "nicht aufgezwungen, sondern eine Antwort auf vorhandene Lebensbedingungen, ein Ausdruck unserer Gewohnheiten, unseres Geschmacks." Sie war also mutig genug, eine neue Formensprache zu kreieren, die bis heute alltagstauglich geblieben ist.

Nur bahnbrechende, neue Ideen haben das Anrecht auf einen Status, der sich irgendwann Designklassiker nennen wird. Wir sind gespannt, was die späteren Klassiker des heutigen Leuchtendesigns sein werden; vielleicht die minimalistische Verarbeitung von LED-Licht, wie bei Ben Wirth oder Ingo Maurer? Vielleicht das organische Design eines Karim Rashid oder Constantin Wortman? Oder vielleicht reines Licht- statt Leuchtendesign, wie das von Flos Architectural? Schön dabei ist, all dies wäre ohne frühere Avantgardisten, wie Greta Grossman, definitiv nicht möglich.